Broschüre zu sexualisierter Gewalt an Hochschulen
Sexuelle Belästigung an der Uni?!
broschuere \"sexuelle Belaestigung an Hochschulen
Selten zeigt sich sexuelle Belästigung als Thema in (Massen-)Medien; und wenn es doch Erwähnung findet, dann werden besonders “spektakuläre” Fälle ausgeschlachtet. Dies schlittert weit an Tatsachen vorbei und erschwert gründliche Analysen der Realität.
Doch die These “was nicht breit thematisiert wird, hat auch keine große Verbreitung” greift hier nicht. Eher lässt sich die fehlende Thematisierung mit dem Tabu erklären, das sexueller Belästigung und anderen Formen sexualisierter Gewalt (immer noch) anhaftet. Taxierende Blicke, anzügliche Bemerkungen über das Aussehen oder das Privatleben und lautstarke Bewertungen des Körpers von Frauen, mehr oder weniger zufällige Berührungen, Begrabschen, Vergewaltigung sind Beispiele für derartige Grenzverletzungen.
Seinen Ursprung findet die Tabuisierung des Themas u.a. in einer Umkehrung des Täter-Opfer-Verhältnisses: Gesellschaftlich weit verbreitet ist eine (in)direkte Zuweisung der Verantwortung für die Belästigungssituation an die Betroffene. Dies findet sich auch im strafrechtlichen sowie universitätsinternen Rahmen wieder, indem den Betroffenen die Beweislast zugewiesen wird. Skeptisch wird hinterfragt, ob sie sich „offensiv gewehrt“ oder das belästigende Verhalten „nicht provoziert“ hätte. Das Verhalten des Täters hingegen wird als (scheinbar selbstverständliche) „Reaktion“ auf weibliche Hinweise stilisiert oder als Kommunikationsproblem abgetan. („Er hat es ja nicht böse gemeint.“). Ein täterorientierter Gewaltbegriff wird herangezogen, der die Intentionen und Absichten des Täters beleuchtet, während der erlittene Schaden der Betroffenen in den Hintergrund rückt. Eine Ausnahme zu diesen Strukturen bilden lediglich massive körperliche Übergriffe, die durch Androhung von Gewalt durch einen Fremden verübt werden.
Aus berechtigter Sorge um nervenaufreibende Verhöre sowie soziale, finanzielle und akademische Nachteile und die ständige Infragestellung der eigenen Wahrnehmungen sowie Glaubwürdigkeit scheuen viele Betroffene vor einer offiziellen Anzeige zurück. Andere gesellschaftlich akzeptierte Formen einer Gegenwehr, bei der die Betroffenen mit Unterstützung zählen können und nicht als „hysterisch“ oder „empfindlich“ wahrgenommen werden, sind kaum vorhanden – so bleiben Betroffene häufig mit einem Gefühl von Ohnmacht zurück.
Das Tabu mithilfe einer verantwortungsbewussten Öffentlichkeitsarbeit zu durchbrechen, liegt häufig nicht im Interesse derer, denen es zur Festigung ihrer Privilegien dient.
Die wenigen Untersuchungen, die bis jetzt zum Thema der sexuellen Belästigung an Hochschulen durchgeführt wurden, können nur einen kleinen Einblick in die enormen Auswirkungen von sexualisierter Gewalt im universitären Alltag von Frauen geben. Dieser “kleine Einblick” ist alarmierend: Jede dritte Studentin wurde mindestens von einem Dozenten während des ersten Studienabschnitts sexuell belästigt (Erhebungen in einer Studie von Dzeih und Weiner, 1984).
In einem von außen unerwünscht sexualisiertem Umfeld, das die eigenen Wünsche nach Grenzen im unterschiedlichen Ausmaß nicht wertschätzt oder bewusst überschreitet und die Kompetenzen von Frauen durch deren Sexualisierung in Frage stellt, zu lernen und zu arbeiten, ist für viele Frauen schwer bis unmöglich.
Dass die Schuld bei sich selbst gesucht wird und die eigenen Probleme individualisiert werden, also übersehen wird, dass es sich um ein allgemeines Problem bei vorhandener Geschlechterhierarchie handelt, ist der Tabuisierung des Themas anzulasten. Folge sind neben schwierig in quantitativen Erhebungen festzuhaltende psychischen Belastungen der Betroffenen statistisch sehr gut nachzeichenbare relativ hohe Zahlen von Studienabbrüchen oder -wechsel bei Studentinnen und ein Rückgang des Anteils von Frauen in der akademischen Hierarchiespitze. Letzterer Punkt begünstigt sexuelle Belästigung an der Universität zusätzlich: Die Studentinnen erleben sich bei der Scheinvergabe und in Prüfungssituationen als direkt abhängig von den (zumeist) männlichen Professoren, was die Machtdifferenz noch zusätzlich steigert und den Handlungsradius der Frauen senkt.
Sexualisierte Gewalt wird durch eine geschlechtsdifferente Machtverteilung (an der Universität) erst ermöglicht und reproduziert sie dann wieder, indem Frauen auf ihren Platz verwiesen und klein gehalten werden. Diesen Kreislauf zu durchbrechen liegt in der Verantwortung aller: Auf struktureller Ebene u.a. in der Veränderung von täterorientierten rechtlichen Regelungen und Strukturen. Im „Privat“-leben durch die Reflexion des eigenen (nicht) respektvollen Umgangs mit den Grenzen anderer und allgemeiner verinnerlichter sexistischer Denkstrukturen, die auf der Naturalisierung von Geschlechterunterschieden basieren.
Was kannst Du als Betroffene tun?
Als erstes ist es wichtig, die eigenen Gefühle wahr – und ernst zu nehmen. Was Du als belästigend oder bedrohend wahrgenommen hast, war auch so. Du bist keineswegs empfindlich, wenn Dich etwas verunsichert, und nicht hysterisch, wenn Du wütend über erlebte Grenzverletzungen bist, und nicht prüde, wenn Du etwas nicht magst oder es Dir unangenehm ist!
Dich gegen ein Verhalten, das nicht ernsthaft nach deinen Wünschen fragt und sich nicht respektvoll mit Deinen Grenzen auseinandersetzt, zur Wehr setzen zu wollen ist mehr als legitim.
Wenn Dich etwas belastet, ist es auch “schlimm genug”, um darüber zu sprechen und Dich beraten zu lassen:
Du kannst eine professionelle Beratungsstelle wie zum Beispiel den Notruf für vergewaltigte und sexuell belästigte Frauen und Mädchen e.V. aufsuchen und (auch anonym) über Erlebtes sprechen (Tel.: 0251/ 34 443; Mo-Fr: 10-12 Uhr Mo: 18-20 Uhr; Do: 16-18 Uhr).
Über ein mögliches uniinternes Vorgehen gegen den Belästiger kann Dich die Gleichstellungsbeauftragte der Universität, Dr. Christiane Franz ebenfalls auf Wunsch anonym informieren – zu erreichen ist sie unter Tel.: 0251/ 83 29 701 oder per mail unter franzc@uni-muenster.de.